Mit dem unikalen Blatt der in Berlin tätigen Künstlerin und Kuratorin Julia Herfurth befindet sich eine außergewöhnliche kalligraphische Arbeit im Bestand der Sammlung Haupt. In ständiger Wiederholung, vor- und rückwärts mit der Hand geschrieben, sind die Sätze „Zeit ist Geld“ und „Geld ist Zeit“ zu lesen. Sie bedecken das ganze Blatt, Anfang und Ende gibt es nicht.
Die Arbeit entstand 2017 im Rahmen von „SWEAT SHOP, Schaufenster Berlin zu Gast im Laden für Nichts in Leipzig“.
SWEAT SHOP ist eine interaktive Kunstperformance, die Kunstproduktion unter kapitalistischen Bedingungen inszeniert. Besucher:innen beauftragen Künstler:innen vor Ort mit der Kreation von Werken, deren Preise durch Angebot und Nachfrage steigen. Zur Anfertigung einer Auftragsarbeit haben die Künstler:innen je 30 Minuten Zeit.
Das Projekt hinterfragt Kunstmarkt, Wert, Wettbewerb und globale Arbeitsbedingungen. So thematisiert die Arbeit die Produktionsbedingungen, unter denen sie entstanden ist.
„Zeit ist Geld“ geht auf Benjamin Franklin zurück. Franklin (1706 – 1790) war Mitverfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, Erfinder und Verleger – und obgleich er nie Präsident der USA war, auf dem 100-US-Dollar-Schein abgebildet.
Siehe hierzu die Arbeit „Faces in my Pocket“ von Will Kempkes, vorgestellt im Newsbeitrag August 2015.
Mit der Formulierung „Remember that time is money“ in seinem Essay Advice to a Young Tradesman (1748) machte er Zeit zu einer ökonomischen Ressource – ein Gedanke, der bis heute unsere Arbeits- und Leistungsgesellschaft prägt.
Franklin verstand Zeit als wirtschaftliche Ressource: Wer seine Zeit unproduktiv verbringt, verzichtet auf möglichen Verdienst.
Mit der Industriellen Revolution erhielt der Satz eine neue Bedeutung. Fabrikarbeit machte Zeit messbar: Arbeitsbeginn und -ende wurden durch Uhren geregelt. Löhne wurden nach Stunden berechnet. Produktivität wurde zum Maßstab wirtschaftlichen Erfolgs.
Der Historiker E. P. Thompson beschrieb diesen Wandel als den Übergang von einer aufgabenorientierten zu einer zeitdisziplinierten Arbeitskultur. Zeit wurde selbst zur Ware.
Im Kapitalismus bedeutet „Zeit ist Geld“, dass Arbeitszeit in wirtschaftlichen Wert umgewandelt wird.
Unternehmen versuchen deshalb, Arbeitsabläufe zu beschleunigen, Leerlauf zu vermeiden, möglichst viel Wert in möglichst kurzer Zeit zu erzeugen. Auch Konsum wird auf Zeit optimiert – etwa durch Lieferdienste, Self-Checkout oder Automatisierung.
„Zeit ist Geld …“ schließt an andere Arbeiten zum Thema Geld von Julia Herfurth an, aber auch an verschiedene Druckgrafiken, in denen Mikroschrift zum künstlerischen Mittel und formgebenden Element wird.
„The Old Melbourne Cemetery“ (2011) war die erste Arbeit, die Geld bzw. Handel zum Thema hat.
Sie zeigt die leere Markthalle der Fleischabteilung des Queen Victoria Market in Melbourne, Australien, der 1878 gegründet wurde. Er ist der größte überdachte Freiluftmarkt in der südlichen Hemisphäre. 2018 wurde er in die australische Nationale Denkmalliste (National Heritage List) aufgenommen. Nur an wenigen Orten des Marktes wird ersichtlich, dass er sich auf dem ehemaligen Gelände des Old Melbourne Cemetery befindet. (…)
Die fotografische Arbeit „Fatma Aliye“ (2012), die Durchleuchtung eines türkischen 50 Lira Scheins, setzt sich ebenfalls mit dem Thema Geld auseinander und ist Teil der Sammlung Haupt (siehe dazu Newsbeitrag Februar 2013).
Weiterlesen in diesem ausführlichen PDF mit Abbildungen der genannten und weiterer Arbeiten, CV der Künstlerin und Links zum Kontext.
Website Julia Herfurth